Mai 1945 – Zughalt

Kurzbericht über ein eindrucksvolles Ereignis in Timmdorf am 4. Mai 1945:

Am Vormittag des 3. Mai 1945 erreichte ein von Lübeck kommender sehr langer Zug Timmdorf und hielt auf dem hohen Bahngleis am Ortseingang( Lok am heutigen Wendeplatz Lindenweg). Die meisten seiner Wagen waren Güterwagen, in denen junge Frauen in Häftlingskleidung aus den nur wenig geöffneten Türen heraus sahen.

Bei den Frauen handelte es sich um tschechische und ungarische sehr junge Jüdinnen, die von Auschwitz zur Arbeit in die NS-Munitionsfabrik Lübberstedt/Niedersachsen verschickt wurden. Bei Näherrücken der Alliierten Ende April 1945 wurden sie in Güterwagen verladen und in Richtung Neustädter Bucht (Vermutetes Ziel: Schiff Arkona) gefahren. In Lübeck wurde der Zug in Richtung Kiel umgeleitet, – offenbar, da die Engländer bereits in der Nähe Lübecks waren.

im hinteren Teil des Zuges sahen wir einige Personenwagen, aus denen Soldaten stiegen. Auf offenen Güterwagen befanden sich Flakgeschütze, aus denen heraus – wie uns später bekannt wurde –  in Bockholt auf angreifende englische Tiefflieger geschossen worden war, wobei ein Flakgeschütz explodierte. Unter den aus den Güterwagen fliehenden Frauen gab es 42 Todesopfer und 18 Verletzte, die am nächsten Tag im Eutiner Lazarett Vossschule behandelt wurden. Fünf von ihnen starben auch dort noch; ihre Gräber befinden sich auf dem Friedhof..

In Timmdorf zwangen die  den Zug begleitenden Wachleute die überlebenden z.T. erst 15 Jahre alten Frauen, in den Wagen zu bleiben. Sie ließen zu, dass einige von uns Timmdorfer Kindern (Hans Jürgen Backhus, Gisela Walz/Winkelmann, Käthe Birkenfeldt) am Bahndamm hochkletterten. Wir Kinder sprachen auch mit den jungen Frauen in Häftlingskleidung (irgendwie vermittelten diese (oder dabei stehende Soldaten?) uns, sie seien auf dem Weg „zum Weiterbau des Westwalls an der Nordsee“.

Uninformiert, wie wir damals waren, glaubten wir einfach alles …..

Den steilen Hang des Bahndammes hinunter wurden von den Soldaten mehrere sehr große, sperrige Geräte (?) gerollt und vor und neben der Brücke des Grundstücks Walz/Winkelmann versenkt. Wir Kinder sahen zu und turnten beim Baden noch die folgenden Jahre auf den Geräten umher, ohne dass jemals festgestellt wurde, um was es sich eigentlich handelte.

Auch Gewehre u.a. Kleingeräte wurden aus dem Zug und über das Grundstück Walz/ Winkelmann an den See und mit Booten gerade hinaus – etwa bis Mitte See – gebracht und versenkt.

In mehrfachen Suchaktionen des Munitionsräumkommandos Kiel, zuletzt Frühjahr 2017, wurden große Mengen von Gasmasken, Gewehren und Munition gehoben. Sie baten mich auf die Brücke, um sich zeigen zu lassen, wohin damals die Boote gefahren waren.

Mehrere Untersuchungen konnten lediglich Munition bergen, die versenkten Geräte sind offenbar nicht zu orten.

Helmut Reese und Arthur Dobbertin, die damals in den Häusern an der Straße in Richtung Malente wohnten, berichten, sie hätten sich im Knick versteckt und gesehen, wie auf der See-abgewandten Seite Tote aus dem Zug auf Wehrmachtswagen geladen und in Richtung Malente weggefahren worden seien. Hierfür gibt es keine weitere Bestätigung.

Als der Zug in Richtung Plön weiterfuhr, wurde er in Höhe des Himbergs wieder von Tieffliegern angegriffen und hielt an. Die Frauen liefen den Himberg hinauf, wurden aber von dem Wachpersonal nach Aufhören des Beschusses mit Waffendrohung zurück in die Wagen getrieben. Marianne Leipold geb. Littman berichtet, dass einige der auf den Himberg geflüchteten Frauen in ihren Kuhstall (Tannenhof) gekommen und später nach Malente gebracht worden seien. Weiteres ist nicht bekannt.

Nur wenige 100 m weiter, in Höhe der Landenge zwischen Behlersee und Kleinem Behlersee (Timmdorfer Badestrand) blieb der Zug nach erneutem Beschuss mehrere Stunden stehen, da die Maschine beschädigt und der Lokführer tot war. Zusätzlich zu dem Beschuss wurden hier auf den Zug Bomben abgeworfen; sie fielen in das Gelände zwischen Behlersee-Badestrand und Bahngleis in Höhe westlich des Eisenbahnübergangs.  Die Trichter dieser Bomben waren noch Jahre später zwischen Behlerseeufer und Bahngeleisen zu erkennen. Auch dieses Gebiet ist vom Munitionsräumkommando untersucht worden.

Zwei Timmdorfer Jungen, Arthur Dobbertin und Hans-Jürgen Backhus, fanden dort eine nicht explodierte Bombe (Aussage: ca. 30-40 cm lang) und „versuchten, diese zu entschärfen“. Da dies nicht gelang, versenkten sie sie an der Brücke zwischen Kleinem und Großen Behlersee. Heute meinen sie, Gott hätte ihnen geholfen …..

Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, ob bei diesem Beschuss am Bahnübergang Behlersee 16 Frauen getroffen wurden oder ob sie z.T. auch im Zug oder bei dem Beschuss am Himberg verstarben. Nach bisherigen englischen Dokumentationen sollen zwischen Eutin und Plön  10 bis 20 (16 ?) Frauen getötet worden sein. Sie wurden auf dem Plöner Friedhof begraben und später nach Schleswig umgebettet.

Endgültig zum Stehen kam der Zug zwischen Gut Behl und dem Plöner Güterbahnhof. Das Wachpersonal hinderte die Frauen hier nicht mehr an der Flucht, 28 dieser Männer sollen hier selbst geflüchtet sein – ihre Spur konnte nicht verfolgt werden; folglich wurde auch keiner von ihnen jemals zur Rechenschaft gezogen.

Nach einer vom Internatsgymnasium Plön 1989 erstellten Studie scheinen die Frauen – oder ein Teil von ihnen – in einer Baracke im Steinbergwald (oberhalb des Seehofes östlich der Bahn) einquartiert und von hierzu abgeordneten Frauen hoher NS-Bürger aus Plön (trotz deren Empörung!) versorgt worden sein. Auch hier verstarben weitere der Frauen an den Folgen von Haft, Hunger und  unerträglichen Beförderungsbedingungen.

Auf Einladung der Gedenkstätte Neuengamme – waren am 3. Mai 2018 die beiden damals   Frauen Barbara Lorber, aus Netania/Israel, und Mindu Hornick, England, Ehrengäste bei der am Cap-Arcona-Denkmal Neustadt stattfindenden Feier.

 Anschließend fuhren sie und eine große Zahl von BegleiterInnen mit mir nach Timmdorf, um den Ort der Entladung der Munition als auch des anschließenden Beschusses am Himberg und Behlersee zu besuchen. Ihre Zeit und auch ihre Kraft reichte nicht aus, auch noch zum Parnass weiter zu fahren. Seitdem stehe ich in Telefonkontakt mit Barbara Lorber und Mindu Hornick (heute 94 und 91 Jahre alt).

Letztere ist für ihre wissenschaftlichen Studien zum Holocaust vor einigen Jahren von der englischen Königin zur „Ritterin“ geschlagen worden – eine für Frauen äußerst seltene Ehrung.

Text: Käthe Birkenfeldt

1 thought on “Mai 1945 – Zughalt”

  1. Liebe Käthe, damit leistest Du uns einen unschätzbaren Gewinn für das Erinnern! Beim Lesen und Begreifen wird das Unbegreifliche vor Augen gestellt und die Frage, wie wir heute dazu stehen. Das Grauen hat immer einen Anfang und es ist ein Unterschied, ob wir einfach mitmachen oder eben nicht. Ob wir selber denken oder andere für uns denken lassen…

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