Gedenkfeier zum 3.Mai 1945 auf dem Himberg

Ansprache von Käthe Birkenfeldt:

Ich begrüße Sie sehr herzlich – die vielen Timmdorfer, die VertreterInnen der Gemeinde, Monika und Ingaborg von der Gedenkstätte Ahrensbök, Miranda von Amnesty International, Dr. Peter Bethke für den  Friedenskreis Eutin sowie den Historiker Herrn Dr. Dölger aus Plön.  Besonderer Dank vorweg an Frau Ulrike Tschentscher, die uns die einführende Instrumentalmusik und ihren Dannauer Chor anbot –  und besonders die Mithilfe von Dagmar und Jobst und die moralische Unterstützung durch viele andere!  

                                                H a r f  e n m u s i k                  

Wir stehen hier auf dem Himberg, der für unser Dorf immer eine große Bedeutung hatte. Lange war der bis zur Bahn abfallende Hang in sognannte Öffentliche P a r z e l l e n gegliedert, die jeweils von einer oder mehreren Familien als Gartenland genutzt werden durften. Hier lernten wir Kinder ganz nebenbei Säen, Pflanzen und Ernten als gemeinsame dörfliche Aufgabe kennen. Viel schöner und effektiver als im elterlichen Garten! Hier oben wurde der  M a i b a u m  aufgestellt (vielleicht in Zukunft mal  wieder ?). Wir  8-14 Jahre alten sog.  J M – M ä d e l  führten eingeübte Volkstänze vor.; die Jungen mussten manchmal als vor-wehrmachtliche Ertüchtigung durchs Brombeergebüch den Berg hinauf robben; wenn der Anführer sie dabei zu sehen bekam, wurde das ganze wiederholt.  Bei 
F l i e g e r a n g r i f f e n   versammelten sich Erwachsene und Kinder am Bahnhof und betrachteten über den Himberg hinweg den von Bränden rot gefärbten Himmel über Kiel und mit Schaudern die Scheinwerfer, die versuchten, hoch am Himmel ein Flugzeug anzustrahlen, damit die Flak es treffen konnte. Keiner sprach ein Wort …  

  An einem der letzten Apriltage 1945 trafen wir sog. Jungmädel uns zum letzten Mal hieroben, fassten uns bei den Händen und sangen in sentimentaler Trauerstimmung „Ich hatt´ einen Kameraden ….“. Nach dem Krieg – von dem wir ja wohl alle überzeugt waren, er sei der letzte in Europa gewesen – wurden hier diese weithin sichtbaren  K r e u z e  und Gedenksteine für die in den beiden Weltkriegen nicht nach Hause zurück gekehrten Timmdorfer Männer aufgestellt. Alle im letzten Krieg „Gefallenen“ oder „Vermissten“ kannte ich, mit einigen von ihnen bin ich noch in unsere einklassige Dorfschule gegangen.  Unser junger und geliebter Lehrer Willy Kröger, Heidis Vater,  starb bereits früh in der Nähe von Lemberg – heute Lliw – , Johann Krützfeldt, Jans Vater, wurde als vermisst gemeldet, es folgten die noch ganz jungen Brüder Willi und Hans Steen, Waldemar Grage und der Sohn des Behlersee-Fischers Meier,      Dito Besthorn und die zwei Brüder Buschmeyer  –  Butzi sehe ich noch in Uniform am Bahnhof Abschied nehmen ……, Otto Kosimski, Sohn unseres Hufschmiedes, die Brüder Hans-Peter und Klaus Hutzfeld, der Sohn unseres Bahnhofvorstehers König, der Sohn der Familie Röper und der Bahnangestellte Dittmann.,An einem der letzten Kriegstage fiel noch Arnold Littmann, Michaels Großvater. 16 Menschen unseres kleinen Dorfes mit damals vielleicht 200 Einwohnern! Wahrhaft ein Aderlass für ein so kleines Dorf ! Lassen Sie uns ihrer Gedenken!                                                                                                                            
Chor und zum Mitsingen: Reinhard Mey „Und der Wind geht allezeit über das Land …“

Und heute jährt sich zum 77. Mal der Tag, an dem 1 9 4 5   e i n   Z u g   m i t  j u n g e n   ungarisch-jüdischen   Z w a n g s a r b e i t e r i n n e n  bei der Durchfahrt durch unser Dorf 2 mal von britischen Tieffliegern beschossen wurde. Zum Gedächtnis an das Leid dieser z.T. erst 15 Jahre alten Frauen wollen wir hier diesen  S t e i n    e n t h ü l l e n   – nach so vielen Jahren und zu einem Zeitpunkt, wo das bisher für unmöglich Gehaltene – ein neuer Krieg in Europa – uns allen  tief auf der Seele liegt und mit Angst erfüllt. Den Stein hat uns David Wilkens nicht nur geschenkt, sondern ihn auch noch zum Steinmetz nach Behl und schließlich hier herauf  transportiert  und einlogiert– unter Verzicht auf eine Bezahlung. Dafür großen Danke, David!!!  Ja, und der Steinmetz Markus Johansson aus Behl zeigte Dagmar und mir bei unserem ersten Besuch gleich ganz viel Mitempfinden und erklärte, für diesen Zweck werde er selbstverständlich ohne Bezahlung arbeiten! Welch harte Arbeit dies dann wurde, davon konnte ich mich beim Zuschauen überzeugen. Ich freue mich, dass Sie heute trotz ihrer vielen Arbeit dabei sein können. Im Namen aller Anwesenden unser ganz großer Dank!                                                                                                                                                                   E n t h ü l l u n g – und dann Chor und zum Mitsingen: „Hewenu Shalom“

Aber nun zur Geschichte dieser jungen jüdischen Frauen, ehe sie am 3. Mai hier durch Timmdorf kamen:    Barbara Lorbeer, eine der 2 Frauen, die noch leben und denen ich am 3. Mai 2018  bei ihrem Besuch hier die damaligen Standorte ihres Zuges zeigte, erinnert sich: Im Frühjahr 1944 wurden auch die vorher in Ghettos eingewiesenen Juden Ungarns in Güterwagen getrieben und nach  A u s c h w i t z  gebracht. An der Rampe in Birkenau selektierten KZ-Ärzte, in ihrem Fall der berüchtigte Dr. Mengele, sie nach „Arbeitsfähigen“ und jenen, die sofort in Gaskammern kamen. Ein deutscher Bewacher flüsterte heimlich ihrer Mutter zu, sie solle die „kleine“ Tochter lieber der Großmutter an die Hand geben …… so gingen d i e beiden ins Gas und die noch arbeitsfähige Mutter mit den zwei jugendlichen Töchtern in die Auschwitzer Baracken.  Es ist für uns schwer nachzuempfinden, welche seelischen Schäden die jungen Frauen allein schon hier davon trugen! Die zweite heute noch Überlebende ist Mindu Hornick. Sie wurde englische Wissenschaftlerin, erhielt die Ehrendoktorwürde und wurde – eine seltene Ehre ! – von der englischen Königin zum Ritter geschlagen.                              

Von Auschwitz  wurden 500 dieser Frauen im August 1944 wiederum mit Güterwagen in das Lager der  M u n i t i o n s f a b r i k   L ü b b e r s t e d t  östlich von Bremen gebracht. Dort waren sie in 12-stündigen Arbeitsschichten und ohne jeglichen Schutz mit der Herstellung von Fliegerbomben und weiterer gefährlicher Munition beschäftigt. Auch der Transport der schweren Bomben war Schwerstarbeit; wie Pferde mussten die von Aufseherinnen mit der Peitsche vorangetriebenen Frauen mit Hartgummi bereifte Wagen selbst ziehen – ja, bei Treibstoffausfall sogar die shweren Lastwagen schieben. Frauen, die krank wurden oder schwanger waren, wurden ins KZ Bergen-Belsen gebracht; von ihnen überlebten wenige.                                      

Am 18. April 1945 verkündete Himmler den Führerbefehl, alle Zwangsarbeiterlager zu räumen und die Gefangenen in Richtung Ostsee zu bringen – Ziel waren 4 in der Neustädter Bucht weitestgehend manövrierunfähige und ohne Treibstoff liegende Schiffe – das größte von ihnen das ehemalige Luxuskreuzfahrtschiff  A r c o n a . Bei Ihrem Untergang nach tragischer irrtümlicher Bombardierung durch englische Flugzeuge versanken 7000 KZ-Häftlinge …..    Die später tot am Ufer geborgenen – meist von deutschen Soldaten bei Erreichen des Ufers erschossenen – wurden auf dem Friedhof an der Auffahrt zur A1  bei Haffkrug beigesetzt. Auch die noch lebenden 300 Frauen des MUNA-Werkes wurden am 20. April wiederum in Güterwagen gebracht  – diesmal für eine 13-tägige Kreuz- und Querfahrt in Richtung Ostsee, mit weniger als Notverpflegung versorgt. Als in Lübeck die Gefahr, von den Engländern entdeckt zu werden, zu groß wurde,  fuhr der Zug nach Anhängen von 18 Güterwagen, beladen u.a. mit einer Flak und Munition, am  1. Mai  in Richtung Kiel weiter. Bei  B o c k h o l t , kurz vor Eutin, wurde der Zug von Tieffliegern entdeckt und in 2 Angriffen massiv beschossen. Die Explosion des Munitionswagens führte zu schweren Verletzungen der aus den Wagen gelaufenen Frauen. Aber auch die Bewacher schossen gezielt auf sie. Von den  Frauen wurden dabei 150 verletzt oder getötet. Sie wurden am Abend von Eutiner Bürgern gefunden, begraben bzw.  ins Voßchul-Lazarett  gebracht.                                                                                                                      

Am Vormittag des  3 .  M a i   machte dieser Zug auf dem hohen Gleis hinter dem     T i m m d o r f e r  Wendeplatz des damaligen Tickermokergangs Halt; die begleitenden Soldaten entsorgten Mengen ihrer Munition und teils große Geräte über das Grundstück Winkelmann in den Dieksee – beobachtet von einigen von uns Kindern, die die  elterlichen Verbote, hinauszugehen, wohl überhört hatten. Wir konnten auch auf den Bahndamm hinauf klettern und durch schmale Öffnungen der Güterwagentüren auf dem Boden liegende und sitzende Frauen erkennen. Auf unsere Frage an einen Bewacher, wohin der Zug fahre, wurde uns erklärt: „Zum Bau des Westwalls.“ Wie absurd das war, habe ich, geprägt durch jahrelanges Schweigen der Erwachsenen und Indoktrinierung in der Hitlerjugend, erst Jahre später erkannt. Der Sohn unseres musikalischen Schusters Arthur Dobbertin, der auf der Rückseite des Gleises an der Malenter Straße wohnte, erzählte später, er habe das Wegtragen von Toten an die Ausfahrtstraße nach Malente beobachtet.        

Viel später, in den 1970er und wieder 90er Jahren, wurde ich vom Minenräum-kommando Kiel besucht und gebeten, ihnen die Orte der Entsorgung zu zeigen. Es wurde auch viel gefunden, nur die 2 x 3 m großen Container nicht – sie bleiben wohl für ewig im moorigen Untergrund versunken.                                                                              

Als der Zug am frühen Nachmittag weiterfuhr, wurde er hier unterhalb des H i m b e r g s  ein weiteres Mal von Tieffliegern beschossen; die Frauen wurden durch den Kiefernwald hinauf und nach Abflug der Engländer mit vorgehaltenen Gewehren wieder in den Zug zurück getrieben. Diesen Vorgang hat Gisela Beuttenmüller von der hohen Treppe ihres ehemaligen „Gasthauses zu den 5 Seen“ beobachtet. Und wie Marianne Littmann berichtete, haben sich 2 Frauen danach in ihrem Kuhstall befunden; über deren weiteren Verbleib ist nichts bekannt. Der Zug kam danach nur bis zum Übergang zu Kasch` Koppel am  B e h l e r s e e – da waren die Flugzeuge wieder da; der Beschuss war schwer; 16 der Frauen lagen anschließend tot auf Kaschs Weide, die Lokomotive war manövrierunfähig. Erst am frühen Abend konnte der Zug bis unterhalb des Plöner Parnaßberges weiterfahren. Herr Dr. Dölger, der sich sehr früh mit dem Schicksal dieser jungen Frauen befasst und in einem Projekt am Plöner Gymnasium erarbeitet hat, ist der Meinung, dass mehrere der in Timmdorf überlebenden Frauen sich mühsam zu Fuß entlang der Strecke bis Plön schleppten und vor Hunger in den nördlichen Straßen um Essen bettelten.                                                               

Inzwischen hatten die Bewacher irgendwie Kenntnis vom Nahen der britischen Truppen erhalten; eine der Frauen soll erzählt haben, ihnen sei von den Bewachern  zugerufen worden: “Ihr könnt laufen, jetzt sind wir dran.“  Die Bewacher blieben verschwunden und wurden wohl kaum jemals vor Gericht gestellt.                  

Die Frauen hielten sich eine Nacht hungrig und ausgehungert im Parnaßwald auf . Hierüber hat der Plöner Dr. Dölger inensiv geforscht und auch ein Projekt am Plöner Gymnasium gemacht.

Einen Tag später, am 4. Mai, erreichten die englischen Truppen Plön. Die Frauen wurden befreit, gesundheitlich versorgt und mit Essen versehen: sie  konnten später in ihre Heimat zurückkehren. Viele von ihnen wanderten aber nach Amerika, Israel, Australien und in andere Länder aus.  

Von den 300 in Lübberstedt in die Güterwagen verfrachteten Frauen haben wohl nur 200 Transport und Angriffe überlebt. 
Chor –   Reinhard Mey                                                

Ganz herzliche Grüße an alle DorfbewohnerInnen soll ich von der heute 95-jährigen Barbara Lorber sagen. Sie ist eine sehr rüstige und mutige 95-jährige Alte Dame und wäre zu gern gekommen, eine gerade  überstandene Corona-Erkrankung erlaubt dies leider nicht. Was hätten diese gefallenen jungen Männer aus Timmdorf und diese jungen jüdischen Frauen in ihrem Leben bewirken können – fürs Leben lernen, glücklich sein, Familien gründen, Kinder und Enkel beim Heranwachsen erleben, Erfahrungen weitergeben, vielleicht mit diesen Erfahrungen Politik gestalten und für den Frieden und den Erhalt der Natur eintreten  ……..                                                                                                

An diese sinnlos Gestorbenen mögen uns diese drei Steine in Zukunft immer erinnern !!!                                                                                  Harfenmusik               

                     

1 thought on “Gedenkfeier zum 3.Mai 1945 auf dem Himberg”

  1. Danke für diese so wichtige, einfühlsame, warmherzige und erschreckend aktuelle Erinnerung an die Opfer von Unrecht und verbrecherischem Angriffskrieg.

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